COVID-19: Wie sich Deutschland zerfleischt und wie es wieder zusammen finden könnte

Aufmarsch München 2.4.2005. Bild: Rufus46 auf Wikimedia.

Was ist die Lösung?

Ausser wenn wir eine schnelle Verbreitung des Virus mit entsprechender Spitalüberlastung und einer extrem hohen Sterblichkeit in Kauf nehmen, sind Massnahmen unerlässlich. Der Zweck aller Massnahmen ist es, die Anzahl Personen, die von jeder infizierten Person wiederum angesteckt werden, zu reduzieren. Dabei dürfte klar sein, dass wirksamere Massnahmen in einem Bereich im Gegenzug mehr Freiheit und weniger Einschränkungen in anderen Bereichen erlauben.

Das Fiasko mit den Gesichtsmasken

Ein anderes Schlachtfeld ist die teils erbittert geführte Diskussion über Gesichtsmasken. In Asien setzte sich sehr schnell die Erkenntnis durch, dass das systematische Tragen von Masken die Verbreitung des Virus hemmt. Nach allem, was man mehr als ein halbes Jahr später dazu sagen kann, hatten sie recht. In Europa setzt sich diese Erkenntnis nach einer Übersterblichkeit von ca. 200'000 Personen ganz langsam durch. Man kann natürlich kulturell argmentieren, dass das Tragen von Gesichtsmasken in Asien allgemein weit verbreitet ist. Aber wie kann es sein, dass das Denken unserer Epidemiologen von kulturellen Werten bestimmt wird und nicht von rigoroser Forschung?

Die heutige akademische Gemeinschaft: Erbitterter Wettbewerb, nach fragwürdigen Kriterien bewertet

Warum werden die notwendigen Datensammlung und –analyse nicht durchgeführt? Als ich Anfang April diese Idee zu ersten Mal als preprint online stellte (3) und in der BMI-Taskforce eine Diskussion darüber anregte, waren viele einverstanden mit der Notwendigkeit. Die Diskussion verstarb jedoch sehr schnell. Der Grund dafür scheinen die Kriterien zu sein, nach denen innerhalb der akademischen Gemeinschaft Kompetenz bewertet wird, vor allem in der Epidemiologie, wahrscheinlich weniger in der Virologie. Das langweilige Sammeln von Daten, das vor Jahrzehnten als Grundlage von jeder seriösen Forschungsarbeit betrachtet wurde, wird zunehmend nur noch belächelt. Wenn ein-e Forscher-in auch nur ein paar Monate damit verbringt, kann die akademische Karriere schon darunter leiden. Nur “innovative” Forschung bringt die eigene Karriere vorwärts und steigert das Ansehen des Instituts. Die Tatsache, dass für sinnvolle Forschung über COVID-19 monatelanges langweiliges Datensammeln nach weltweit einheitlichen Kriterien dringend notwendig ist, um Leben zu retten und eine Spaltung der Gesellschaft zu vermeiden, ist heutzutage in der akademischen Gemeinschaft irrelevant. Verantwortungsgefühl für die gesamte Gesellschaft, die ja durch ihre Steuern das akademische System finanziert? Fehlanzeige.

“Sonderfall” Schweden: Welche Impaktfaktoren auf die Verbreitung des Virus?

Wie schon oben angetönt, brauchen wir gesicherte Erkenntnisse darüber, welche Impaktfaktoren in der Gesellschaft die Verbreitung des Virus fördern oder bremsen. Forschung über dieses Thema ist notwendig, damit wir Alternativen zu gegenwärtigen Massnahmen abschätzen können. Vor allem das Argument des “Schwedischen Modells” kommt immer wieder: Es wäre doch auch möglich gewesen, das Virus mit nur einem leichten, fast ausschliesslich freiwilligen Lockdown einzudämmen. Leider wird auch hier die nötige Forschung nicht getan, wieder aus dem gleichen Grund: Die Daten fehlen.

  • Grosse Städte mit hoher Bevölkerungsdichte (grosse Wohnblocks, Gedränge im ÖPNV, überbelegte Wohnung, in extremen Fällen Unterkunft in Schlafsälen, usw.),
  • ein stark vernetztes soziales Leben (Treffen in grösseren Gruppen, mit ständig wechselnden Personen), wo oft mit lauter Stimme kommuniziert wird,
  • grössere physische Nähe in sozialen Kontakten, z.B. Oktoberfest-artige Events, Küsschen auf die Wange bei der Begrüssung, usw.,
  • arbeitskraftintensive Industrie (grosse Fabrikshallen, in Europa z.B. Schlachtereibetriebe),
  • zahlreiche potentielle superspreader events, z.B. Bars und Nachtclubs, kulturelle, sportliche und religiöse Grossanlässe, Kongresse, usw.,
  • eine grosse Mobilität.

Wenn die Forschung immer alles und sein Gegenteil belegt: Wir brauchen ein COVID-IPCC

In den vorhergehenden Abschnitten wurde wiederholt auf fehlende Forschung hingewiesen, um bestimmte Aspekte der COVID-19-Epidemie zu verstehen und überzeugend erklären zu können. Dafür sind Modelle nötig, die auf einen grossen Menge an soliden Daten beruhen. Nur so können die Ergebnisse für alle nachvollziehbar dargestellt werden. Derartige Modelle können nur von grossen international und interdisziplinär zusammengesetzten Teams ausgearbeitet werden. Die allein arbeitenden Forscher und kleinen Forscherteams, die momentan auf der ganzen Welt über dieses Virus forschen, produzieren eine derartige Menge an Artikeln, dass praktisch niemand mehr die Übersicht behalten kann. Das grösste Problem ist dabei, dass für viele politisch relevante Fragen sowohl alle möglichen Antworten als auch ihr Gegenteil durch Artikel in peer reviewed Fachzeitschriften belegt werden. Dann gehen Anhänger von entgegengesetzten Meinungen auf Twitter aufeinandern los und werfen sich akademische paper an den Schädel. Dies tut zwar nicht so weh wie mit Pflastersteinen, für den sozialen Zusammenhalt und das Vertrauen in die Wissenschaft ist es aber möglicherweise noch schädlicher.

“Dieses Virus kann nicht eingedämmt werden.” Schon vergessen?

Einer der grundlegenden Konflikte in Deutschland stammt daher, dass zwischen Mitte Februar und Mitte März praktisch alle Experten behaupteten, dass dieses Virus nicht eingedämmt werden kann, dass sich zuerst ca. 60% der Bevölkerung infizieren würden, bevor die Pandämie zum Stillstand kommt oder langsamer wird (6) (7) (8) (9). Durch diese zunehmend ohne Zweifel oder Unsicherheit ausgedrückte Behauptung wurde jegliche politische Diskussion im Keim erstickt. Hier als Beleg ein Auszug aus dem NDR-Podcast von Christian Drosten vom 27. März (10):

Deutschland heute: Gespaltene Gesellschaft und Hochkonjunktur für Shitstorming

Die gleichen Gruppierungen, die hinter der versuchten Reichstagsstürmung stehen, sind massiv in den sozialen Netzwerken aktiv. Dort wird nicht gestürmt, sondern geshitstormt. Shitstormer treten heutzutage in gut eingespielten Meuten auf. Die Profile der Aktivisten, die die meiste Arbeit machen, sind anonym. Einige von ihnen haben sichtlich mehrere Profile zur Verfügung, falls eines gesperrt wird. Vorgegangen wird psychologisch raffiniert. Auch Profile, wo auf der Timeline durchgehend eine extreme Meinung vertreten wird, geben sich im Austausch zuerst interessiert. Wenn man versucht, sachlich zu argumentieren, schlagen einem sehr schnell wertende Ausdrücke entgegen, nicht nur von einer Person vorgebracht, sondern von der schnell hinzueilenden Unterstützung. Wenn man selbst im eigenen Namen tweetet, werden auch Arbeitgeber, Kollegen und Bekannte hineingezogen. Dann kommen bald die ersten Morddrohungen.

Bibliographie

  1. Augurzky B, Bardt H, Bude H, Döhrn R, Hüther M, Kölbl O, et al. Wie wir COVID-19 unter Kontrolle bekommen 2020 updated 22.03.2020. https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2020/corona/szenarienpapier-covid-19.html
  2. Chan JF-W, Yuan S, Zhang AJ, Poon VK-M, Chan CC-S, Lee AC-Y, et al. Surgical Mask Partition Reduces the Risk of Noncontact Transmission in a Golden Syrian Hamster Model for Coronavirus Disease 2019 (COVID-19). Clinical Infectious Diseases. 2020. https://doi.org/10.1093/cid/ciaa644
  3. Kölbl O. COVID-19: Empirische und deduktive Bestimmung des Einflusses von verschiedenen Massnahmen auf den Reproduktionsfaktor R und davon abgeleiteter Zeitplan 2020 updated 08.04.2020. https://www.researchgate.net/publication/340511110_COVID-19_Empirische_und_deduktive_Bestimmung_des_Einflusses_von_verschiedenen_Massnahmen_auf_den_Reproduktionsfaktor_R_und_davon_abgeleiteter_Zeitplan
  4. Stafford N. Covid-19: Why Germany’s case fatality rate seems so low. BMJ. 2020;369:m1395. http://www.bmj.com/content/369/bmj.m1395.abstract
  5. US CDC. Provisional Death Counts for Coronavirus Disease 2019 (COVID-19), Daily Updates of Totals by Week and State. https://www.cdc.gov/nchs/nvss/vsrr/COVID19/
  6. Kelley A. Harvard scientist: coronavirus pandemic likely will infect 40–70% of world this year. The Hill. 15.02.2020. https://thehill.com/changing-america/well-being/prevention-cures/482794-officials-say-the-cdc-is-preparing-for
  7. Fauci AS, Lane HC, Redfield RR. Covid-19 — Navigating the Uncharted. New England Journal of Medicine. 2020;382(13):1268–9. https://doi.org/10.1056/NEJMe2002387
  8. Matthews S, Boyd C. Coronavirus fight is LOST: Leading scientist admits world tried ‘very hard’ to stop the outbreak but the battle is OVER as more than 80 countries have confirmed cases of the killer infection. Daily Mail. 04.03.2020. https://www.dailymail.co.uk/health/article-8074613/Coronavirus-fight-LOST-Leading-scientist-admits-world-tried-hard-failed-stop-it.html
  9. King N. Dr. Anthony Fauci Discusses The Latest Coronavirus Facts. NPR. 26.03.2020. https://www.npr.org/2020/03/26/821842052/dr-anthony-fauci-discusses-the-latest-coronavirus-facts
  10. (23) Coronavirus-Update: Die Forschung braucht jetzt ein Netzwerk. NDR Info. 27.03.2020. https://www.ndr.de/nachrichten/info/23-Coronavirus-Update-Die-Forschung-braucht-jetzt-ein-Netzwerk,podcastcoronavirus164.html
  11. WHO. WHO Press Briefings 2020. https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019/media-resources/press-briefings
  12. Mast M. “Sie eint der Hass auf den Staat”. Die Zeit. 02.09.2020. https://www.zeit.de/wissen/2020-09/corona-demos-berlin-rechtsextremismus-verschwoerungstheorien-sozialpsychologie/komplettansicht

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Researcher/PhD student at University of Lausanne on health issues (now COVID-19), related media reporting; member of German Interior Min. COVID-19 task force.

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Otto Kolbl

Otto Kolbl

Researcher/PhD student at University of Lausanne on health issues (now COVID-19), related media reporting; member of German Interior Min. COVID-19 task force.